
LÖRRACH. Weiß und leer hingen sie da, die langen Papierbahnen, die am Anfang der Show den Bühnenhintergrund bildeten – aber nicht, um im Laufe des Abends vollgeschrieben oder -gemalt zu werden. Den drei Clowns von Mimirichi dienten sie dennoch als Ausgangs-, Dreh- und Angelpunkt eines Kunstwerks aus absurden, witzigen und hintersinnigen Bildern. Geschaffen wurde es mit Hilfe der Stilmittel von Zirkus, Slapstick, Commedia dell’arte und Varieté, aus Klängen, Klirren, Knarzen und Krachen – und eben aus ganz viel Papier.
Im Handumdrehen gelang es den drei rot- beziehungsweise grünnasigen Schöpfern dieses ansonsten weißen Universums, das Publikum im gut besetzten Burghof mit auf eine Reise in die Kindheit zu nehmen, wo man sich nicht lächerlich dabei machte, Papier in jeder Form und Größe durch den Saal zu werfen oder sich von immer größer werdenden Papierbahnen zudecken zu lassen -– und an beidem einen Heidenspaß zu haben. Die Kunst von Mimirichi ist also bei der Einbeziehung der Zuschauer großzügig und demokratisch – für manch einen hie und da vielleicht zu demokratisch, etwa bei der Brillennummer, bei der die Clowns mit diebischer Schadenfreude die Augengläser einiger bemitleidenswerter Menschen im Saal vertauschten, so dass es minutenlang dauerte, bis jeder wieder seine eigene Sehhilfe auf der Nase sitzen hatte und die Späße von Igor Ivashchenko, Andril Gonsales und Analotty Miroshnyk auf der Bühne weiterverfolgen konnte.
Ein paar Zuschauer mussten natürlich auch auf die Bühne – einer wurde mit Papier zum Muskelprotz ausgestopft, der dann zwischen zwei lebendige Torpfosten (ebenfalls aus dem Publikum) gestellt wurde. Auf den mit vielerlei Gesten angekündigten Torschuss warteten sie freilich vergeblich, denn die Mimirichis ließen sie einfach im Scheinwerferlicht stehen und verschwanden in die Pause.
Schon erstaunlich, was allein das Material Papier für erdenkliche und undenkbare Möglichkeiten des Spektakels bietet. Zu Beginn von „Paperworld“ diente der zu diesem Zeitpunkt noch unversehrte papierne Vorhang zunächst einmal als Leinwand für Schattenspiele, bei denen die Clowns mal zu Riesen wuchsen, mal zu Zwergen schrumpften und als solche ungleiche Kämpfe ausführten. Dann rissen Hände unversehens ein paar Löcher hinein, wonach die Leinwand eine perfekte Kulisse für irrwitzige Verfolgungsjagden und Versteckspiele abgab.
„Mitreißend“, wie die drei Ukrainer, je mehr sie den Papiervorhang zerstörten, umso tiefer in diese rätselhafte Parallelwelt eintauchten; wie sie rissen, rupften, knüllten, stopften und übermütige bis poetische Bilder gestalteten, beispielsweise den Ritt auf einem Pferd oder das Wiegen eines Baby-Bündels, wie sie sich durch das Wirrwarr kämpften, stolperten und fielen – bis bloß noch eine von zerrissenem Papier übersäte Bühne übrig blieb. Und ein lachendes, „hingerissenes“ Lörracher Publikum.
