Größer, bunter, perfekter – aller Wirtschaftskrise zum Trotz präsentiert sich die 22. Internationale Kulturbörse Freiburg mit Superlativen. So verzeichnet Deutschlands älteste Fachmesse für Bühnenproduktionen, Musik und Events in diesem Jahr eine Rekordbeteiligung: Erstmals ist die Messehalle 2 mit über 350 Ausstellern aus 20 Nationen komplett ausgebucht. Hier werben Künstler, Agenturen, Bühnentechniker, Catering-Betriebe oder Zeltverleiher. Dazu kommen noch 183 Kurzauftritte auf vier Bühnen im Halbstundentakt: Rund um die Uhr kann das Fachpublikum Live-Auftritte aus den Bereichen Theater, Kabarett, Musik, Comedy, Artistik, Musik, Varieté oder Straßenperformance ansehen.

Es gibt eine große Eröffnungsgala, einen Schwerpunktabend Varieté, zum ersten Mal einen Tanzabend und zum Abschluss noch die Preisverleihung der „Freiburger Leiter“. Zusätzlich werden Seminare, Workshops, Vorträge und Ausstellungen angeboten. Kurzum: Ein viertägiger Kultur-Marathon, nach dem alle Beteiligten bis an den Rand abgefüllt sein dürften…

Dabei hatte 1989 alles als lauschiger Insider-Treff am Seepark angefangen: Mit Festzelt, viel Straßentheater, Zaungästen und Kinderbelustigung. 2001 folgte aus Platzmangel der Umzug in die Neue Messe, seitdem sind sich Kunst und Business so nah wie selten. Während die einen im Messecafé noch aufgeregt ihren Kurzauftritt nachbereiten, ist bei den Einkäufern am Nebentisch schon der Laptop aufgeklappt, um Planung und Budget kompatibel zu machen. Viele planen hier für ihre Festivals und Gemeinden das kommende Kulturjahr. Man schaut, diskutiert und entscheidet – zu Zeiten gekürzter Haushalte freilich zögerlicher und erst nach besonders scharfer Kalkulation. Während die einen für Engagements immer mehr kämpfen müssen, versuchen die anderen mit knappen Budgets möglichst gute Programme einzukaufen.

Doch genau diese Nähe zwischen Produzent und Vermarkter macht dann auch den Reiz der Kulturbörse Freiburg aus. Auch wenn für manchen Künstler die Standgebühr von 500 Euro aufwärts eine große Investition bedeutet, bei der Börse ist man dabei! Hier geht es ums Sehen und Gesehenwerden, man trifft Kollegen, knüpft Netzwerke, informiert sich über Neuerungen und Trends. „Wir sitzen hier Stube an Stube – wie im Puff“, lacht einer, während neben ihm Show-Ausschnitte über den Monitor flimmern. Das Internet bietet die Infos, die Börse den persönlichen Kontakt.

Ein Mega-Event in Sachen Kultur – aber lohnt sich der Aufwand auch für die Künstler? Ein Streifzug durch die Messehalle bringt ein ganzes Kaleidoskop an Erfahrungen, Hoffnungen und Kritik. „Ich bin seit sieben Jahren mit dabei, obwohl ich rund 1600 Euro hier für vier Tage liegen lasse.“ erzählt Kabarettist Heinrich Del Core aus Zimmern bei Rottweil. Er gehört zu den Glückskindern, die von der Jury für einen der begehrten Kurzauftritte ausgewählt wurden und ist sehr gespannt, ob das den überregionalen Durchbruch bringt. Freilich kann man vor dem oberkritischen Fachpublikum auch grausam scheitern… Mit 130 bis 150 Auftritten jährlich hat er noch nichts von der Wirtschaftskrise gespürt, im Gegenteil: „Gerade in harten Zeiten wollen die Leute Unterhaltung. Ich bin Solist im Mittelpreissegment, das können sich Veranstalter noch leisten.“

Sehr viel kritischer ist da Walter Koch vom Konstanzer Dox-Maskentheater. Im Vergleich zur Kulturbörse in Paderborn ist ihm die Messe Freiburg zu teuer, zu groß und unpersönlich. Spontanbuchungen hat er hier noch nie erlebt, das Hauptgeschäft läuft weiter über die Homepage. Der Kampf sei aufgrund gestrichener Subventionen in den letzten Jahren härter geworden. So sind die Engagements an kleinen Theatern selten, dafür brummt das Straßentheater zu Festen und Jubiläum. Das ausgeweitete Programm der Live- Auftritte sieht er eher als Nachteil, hat das Fachpublikum doch kaum noch Zeit und Lust, sich entspannt die Stände anzusehen. Dieses Jahr ist Koch noch dabei, sollte die Bilanz schlecht sein, wird er nicht mehr nach Freiburg kommen.

Ein absolutes Muss ist die Kulturbörse allerdings für Beatrice Siegel von der Künstleragentur Brief & Siegel aus Rottweil. Sie teilt sich den Messestand mit drei weiteren Agenturen: Da entwickeln sich oft gemeinsame Projekte und Kontakte. Überhaupt läuft es gerade prima: „Die Krise macht die Leute wacher, kritischer. Das ist gut fürs Kabarett!“ Von der Kulturbörse erwartet sie mehr Mut zum Experiment: Bunter, absurder, vielfältiger sollte die Auswahl der Kurzauftritte sein, weniger Comedy und weniger Mainstream. „Ich will hier Entdeckungen machen, nicht nur TV- bekannte Gesichter auf der Bühne sehen.“

Tja, allen kann man es sicher nicht recht machen, hellhörig für Künstlerbedürfnisse sollten die Macher aber trotz aller Superlative bleiben…

22. Internationale Kulturbörse: Bis 28. Januar, täglich 10-18 Uhr. Messe, Freiburg.

Weitere Informationen:

www.kulturboerse.de

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