Im Rahmen des jährlichen Festivals „Summer Ballet Seasons“ zeigte die ukrainische Kompanie „Kiev Modern Ballet“ von Radu Poklitaru einen ihrer größten Hits: das zweiteilige Tanzdrama „Carmen TV“.
„Summer Ballet Seasons“ wurden zum ersten Mal im Juli und August 2001 veranstaltet. Das Festivalkonzept, das ausschließlich das russische klassische Ballett beinhaltete, richtete sich vor allem an ausländische Touristen, die Moskau im Sommer während der Theaterferien besuchen. Entsprechend wurde der Aufführungsort gewählt: Das Russische Akademische Jugendtheater befindet sich im historischen Zentrum Moskaus, in unmittelbarer Nähe zum weltbekannten Bolschoi-Theater und gegenüber dem Kreml und dem Roten Platz. Zur großen Überraschung der Organisatoren stießen die „Ballettsaisons“ auch beim russischen Publikum auf großes Interesse. Das diesjährige Programm, das sonst von freien Moskauer Kompanien mit klassischem Repertoire bestritten wird, ließ mit zwei Inszenierungen des jungen Choreographen Radu Poklitaru neue Interpretationen zu.

Hoffnungsträger russischer Choreographie

In Moskau hörte man vom Absolventen der Permer Balletthochschule 2001, als er im Moskauer Internationalen Ballettwettbewerb für die beste Choreographie ausgezeichnet wurde. Damals, nach vielen mageren Jahren, war Poklitaru nicht nur der beste, sondern der einzige Choreograph im postsowjetischen Raum, an dessen Namen man große Hoffnungen knüpfte. Mit solchem Rückenwind konnte er richtig loslegen: Bereits zwei Jahre später inszenierte er zusammen mit dem britischen Regisseur Declan Donnellan seine Version von „Romeo und Juliet“ im Bolschoi-Theater. Die Inszenierung wurde gleichermaßen verdammt und bejubelt, sowohl in Moskau als auch beim Gastspiel in London. Auf die Skandalaufführung, die den Bekanntheitsgrad des jungen Choreographen deutlich steigerte, folgten zahlreiche Angebote, unter anderem das vom ukrainischen Mäzen Wladimir Filippow. Von ihm erhielt Poklitaru Carte blanche zur Gründung eigener Kompanie „Kiev Modern Ballet“. Das in Moskau gezeigte „Carmen TV“ war ihre Eröffnungsinszenierung, die in der Ukraine mit allen wichtigen Theaterpreisen ausgezeichnet wurde.

Fernsehgerechte Vereinfachung

Von der klassischen Interpretation der Novelle des französischen Schriftstellers Prosper Mérimée und der darauf basierenden Oper blieb bei Radu Poklitaru kaum etwas übrig. Lediglich das Potpourri berühmter Arien aus der Oper „Carmen“ von Georges Bizet bildet die musikalische Grundlage seiner Inszenierung. Zur Hauptfigur macht er die Bäuerin Micaëla, die bei ihm zu einer träumenden Blondine wird, die wie gebannt eine Fernsehserie verfolgt (daher auch das „TV“ im Titel). Nach TV-Regeln vereinfacht der Choreograph sowohl den Inhalt als auch die handelnden Personen. Seine Carmen ist ein ziemlich primitives, lüsternes Frauenzimmer, das sich mal mit Don José, mal mit Escamillo vergnügt, während die fromme und einfältige Micaëla, die von José verlassen wurde, vor dem Fernsehen leidet und hofft, dass der Geliebte zu ihr zurückkehrt. Vom Inhalt der Serie mitgerissen, greift sie immer wieder in das Geschehen auf der Bühne ein. Mit ihrer Hand bringt José schließlich Carmen um. Das tragische Finale der Novelle verwandelt Poklitaru in die lebensbejahende Fernseh-Gerechtigkeit: Statt verhaftet zu werden, kehrt Don José zu Micaëla zurück.

Karikaturen von romantischen Helden

Radu Poklitaru karikiert seine Bühnengestalten zu grotesken Masken. Er ist weder banal, noch billig, will aber eine attraktive und allgemeinverständliche Show liefern, was ihn bekannte Klischees üblicher Inszenierungen ironisieren lässt. So wird der ausdrucksvolle Auftritt Carmens zur berühmten Habanera zum hilflosen Zappeln eines Flittchens. Und mit dem Auftrittslied des Stierkämpfers erscheint auf der Bühne ein umwerfend schöner und hoffnungslos dummer Athlet, bei dessen Anblick alle Frauen umfallen.

Freiheit des Kopierens

Dennoch bleiben bei der Inszenierung manche Fragen offen. Der Tod Escamillos und die Rolle des Fernsehens im ganzen Geschehen wurden nicht ausreichend thematisiert und interpretiert. Ohne diese Lücken wäre das Ballett deutlich stärker geworden. Problematisch erwies sich auch die von Poklitaru proklamierte Freiheit, „mit vielen Stilen zu operieren“ – als Antwort auf nicht seltene Vorwürfe, er gäbe bei ihm zu viele Entlehnungen aus Arbeiten europäischer Starchoreographen. In „Carmen TV“ führte ihn diese Freiheit stellenweise zu einer fast peinlichen Ähnlichkeit mit der Carmen von Mats Ek. Aber während der Sommerferien will man ja nicht so streng sein.

Quelle: Globe-M., Victoria Belikova

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