Hamburg. Ein blaues Rund liegt auf leerer Bühne. Der Erdkreis als Teppich. Bei ihrem „Unsichtbaren Zirkus“ im St.-Pauli-Theater beschwören Victoria Chaplin und Jean-Baptist Thiérrée die Wunderwelt der Dinge und den Wahnwitz der Menschen, die sich zu ihren Beherrschern aufwerfen wollen. Statt die Dinge zu meistern, begegnen die leichtfüßige Tänzerin und der weise Clown ihnen mit einer kindlichen Neugier und unerschöpflichen Fantasie.
„Le Cirque Invisible“ macht das Unsichtbare sichtbar in unserer Vorstellung und lässt uns die Dinge neu entdecken durch ihre Verwandlungen. Kerzen sind essbar oder lösen sich in Luft auf. Rote Japanschirme oder Zweiräder beginnen ein geheimnisvolles Eigenleben zu führen und werden zu wundersamen Wesen. Spaßvogel Thiérrée mit der Silbermähne lässt Bälle, Tücher und das weiße Kaninchen Raoul verschwinden. Aus immer anders bemalten und zu seinem Anzug passenden Koffern zaubert er Orangen oder Geschichten, wie das lustige Drama vom unsichtbaren Fisch. Schließlich versucht er Tauben, putzige Karnickel in allen Größen und einem Dutzend schnatternd auf die Bühne watschelnde Gänse das Lesen zu lehren.
Die grazile, alterslos wirkende Partnerin hält leichtfüßig Schritt mit seinen raschen Metamorphosen. Victoria Chaplin mutiert vom Schaukelstuhl-Monster in eine Dame, macht den Teetisch unterm kreiselnden Sonnenschirm zu einem hochnäsigen Kamel und lässt sich gar von einem Drachen verschlucken. Sie kommt mit Gläsern, Kuchenform und Schalen am Körper als lebendiges Glockenspiel und bringt es zum Klingen. Anmutig und zierlich gleitet sie über die Bühne oder sinkt – hoch oben auf dem Drahtseil balancierend – in den Spagat.
Barockmaler, die Bauhauskünstler, Loie Fullers wirbelnde Licht- und Tuch-Tänze und natürlich die Surrealisten und Comics haben Chaplin und Thiérrée bei den farbigen Kostümkreationen, den Körperskulpturen und Tableaus inspiriert. Ihre magische Show hat viel mehr mit bildender Kunst, mit Tanz und Theater zu tun als mit Zirkus. Die kleinen Gags mit Tiefgang verblüffen, belustigen und stimmen nachdenklich. Immer wieder besticht die Präzision ihres Timings, der dramaturgisch punktgenaue Moment. Drahtseil- und Rad-Artistik wie die „Zersägte Jungfrau“ nehmen unerwartete Wendungen, sind weniger als Akrobatikakte gedacht, vielmehr als deren ironisches Zitat.
Zum Finale funktioniert das Paar widerspenstige Drahtesel zu grotesken Geschöpfen um. Die mit Lenkern, Ketten, Pedalen und Rädern bewehrten Figuren liefern sich einen komischen Kampf, den Chaplin als sirrende Fahrrad-Elfe besänftigt.
In einer Szene zeigt Thiérrée, dass es trotz der eifrigen Unterstützung des Publikums beim Beschwören eines Gummizebras mit den Händen wenig nützt, sich bis zur Selbstaufgabe anzupassen. Er will der Puppe Leben einhauchen, ist von Kopf bis Fuß in ein schwarz-weiß gestreiftes Kostüm gehüllt. Sogar Brille und Buch tragen das tierische Fellmuster. Vergebens. Das störrische Vieh führt den Größenwahn reglos ad absurdum. Man bleibt eben, was man ist. Da hilft auch keine Mimikry. So geht dem dummen August und den Zuschauern im Ulk ein Funken Lebensweisheit auf.
In seinen flinken Fingern wird ein Papierrechteck rund und er staunt. „Ein Wunder. Was für ein Abend.“ Recht hat er. Was für ein kluger poetischer Abend. Er bietet statt der grellen circensischen Sensationsakte stille Szenen aus einer in elektronischen Bilderstürmen fast vergessenen Welt. Und auch Erkenntnis unter befreitem Gelächter. Denn mit der Quadratur des Kreises erinnert uns der unwürdige Greis, ein verschmitzter Kindskopf mit Geist, daran: Die Wunder der Welt stellen uns vor unlösbare Aufgaben und bleiben zum Staunen wunderschön.
Victoria Chaplin und Jean-Baptist Thiérrée sind keine virtuosen Artisten oder virtuellen Computer-Trickser – sondern lächelnde Philosophen. Mit Charme, Esprit und Verstand lässt das charismatische Paar – trotz fortgeschrittenen Alters noch immer behände und gelenkig – in den Spielen mit der Täuschung blitzartig Wahrheiten aufleuchten. Durch eine geplatzte Illusion. Einen absichtlich verpatzten Taschenspielertrick. Oder mit dem Wink eines roten Seidentuchs.
Le Cirque Invisible bis 10.9. tgl. außer montags, jeweils 20.00, St.-Pauli-Theater, Karten bei allen Hamburger-Abendblatt-Ticketshops und unter der Ticket-Hotline 040/30 30 98 98; www.st-pauli-theater.de
