MARL. Man braucht höchstens zehn Minuten. Zehn Minuten, um zu kapieren, dass das Theater Licedei, das jetzt mit „Semianyki“ bei den Ruhrfestspielen im Theater Marl gastiert, kein Sammelsurium witziger Clownereien präsentiert, sondern russische Clownskunst in Vollendung. Zum Schreien (tragik-)komisch, nachdenklich, bewegend, mitreißend!
Die legendäre Pantomimen-Truppe aus St. Petersburg sorgt mit ihrer Geschichte einer liebenswerten, aber durchgeknallten Familie (russisch: „Semianyki“) für anderthalb Stunden glänzender Unterhaltung. Clownskunst auf allerhöchstem Niveau.
Eigentlich geht es nur um das tägliche Chaos in einer nicht ganz normalen Familie. Um Krieg und Frieden zwischen einem zum Alkoholismus neigenden Vater, einer in höchstem Maße schwangeren Mutter und ein paar völlig auf- und durchgedrehten kleinen Knirpsen. Alle Familienmitglieder nerven sich gegenseitig unerträglich – und alle lieben sich doch.
Das Publikum erlebt, wie man mit Heftpflastern einen Mord begehen, im Inneren eines Klaviers jagen oder seinen Wodka ohne Arme trinken kann. Doch solche Gags könnten andere auch inszenieren.
Das Licedei-Theater bringt diesen Schwank im eigentlichen Sinne mit viel Musik und den Mitteln zeitgenössischer russischer Pantomime auf die Bühne – und würzt das Ganze mit einer guten Prise Commedia dell’arte. Die Balance zwischen feinsinnigem, auch mal schwarzem Humor, Slapstick, Poesie – und extrem gelungenen surrealen Traumsequenzen ist perfekt abgestimmt. Man merkt oder glaubt zumindest merken zu können, dass der große russische Clownskunst-Visionär Slava Polunin, der zuletzt in Dortmund mit „Slava’s Snowshow“ in Serie Herzen zu ergreifen und das Zwerchfell zu erschüttern wusste, auch bei der Gründung des Theater Licedei in den 60ern seine Finger mit im Spiel hatte.
Und genau deshalb ist „Semianyki“ auch ein Vergnügen für die ganze Familie. Und die wird auch einbezogen. Denn das Publikum spielt hier eine ganz besondere Rolle … Für Kleinkinder allerdings ist das Spektakel dann doch etwas zu laut, zu schrill – und manchmal auch ein wenig zu böse.
Quelle: Marler Zeitung
